Revision des Bundesgerichtsentscheids: 8C_329/2009, Pilatus I

Pilatus 2’128 m.ü.M

                                                                                   Bangkok, 18.01.2022

Lieber Felix

Fünfunddreissig Jahre ist es her, seit wir in Losone die Sommerrekrutenschule miteinander absolviert hatten. Du erinnerst Dich….

Deine neue Webseite sieht hervorragend aus! Das Gruppenbild mit allen Mitarbeitenden in blauen Uniformen: erstklassig! Und Du siehst noch genau so aus wie früher, einfach nicht in Soldatenuniform und ohne Kurzhaarfrisur, sondern ganz ohne Haare: Wie aus dem Ei gepellt! Das einzige, was ich beim Vergleich zur vorherigen Augenarztpraxis-Webseite vermisse, ist die Putzfrau, Frau Bucher! Da sie den gleichen Familiennamen hat wie ich, ist sie mir damals aufgefallen, und ich habe mich für Dich gefreut, dass aus dem vormaligen «Sanitätsrekrut Beano» ein Facharzt FMH für Augenheilkunde geworden ist: Hut ab – chapeau! An dieser Stelle will ich es nicht unterlassen, Dich etwas ganz Persönliches zu fragen: «Da Du ja in der Kaserne Losone mein «Pritschennachbar» warst, hast Du mir sicher ab und zu zugeschaut, wie sorgsam ich jeweils die Pflege der Kontaktlinsen gehandhabt hatte: Erinnerst Du Dich, wie Du und ich in der ersten Woche zum Kompaniekommandanten zitiert worden sind, weil wir beim Zimmerverlesen um 22 Uhr nicht neben dem Bett gestanden sind? Weshalb Du nicht neben dem Bett gestanden warst, ist (hier) nicht von Belang; ich sass am Tisch neben dem Fenster, beschäftigt mit der Reinigung meiner Kontaktlinsen. Die Schelte von Leutnant Beat Wey war wie der Vorgang der Prägung einer Münze: Unvergesslich einerseits und andererseits eine Lehre: Thematisiere Deine Fehlsichtigkeit NIE! Weisst Du, Felix, mit der Sehschärfe meiner Augen war ich bei der ersten Aushebung als «dienstuntauglich» befundet worden. Gegen diesen ersten roten Stempel wehrte ich mich erfolgreich mit einer schriftlichen Beschwerde, in welcher ich argumentierte, als langjähriger Pfadfinder etwas Sinnvolles tun zu wollen für das Heimatland und kundtat, ich sei ausserordentlich dienstwillig und bereit für den obligatorischen Militärdienst. _ Diese Einschätzung wurde von den Experten an der zweiten Aushebung unisono geteilt: Dieses Mal wurde der schwarze «Diensttauglich»-Stempel ins Dienstbüchlein gestempelt.

Im Juli 1987 passte mein damaliger Kontaktlinsenspezialist, Herr André Peier, Luzern, mir flexible, sauerstoffdurchlässige Kontaktlinsen an – gerade rechtzeitig vor dem Beginn der Sanitätsrekrutenschule! Toll! Diese Kontaktlinsen waren wunderbar! Plötzlich konnte ich ohne Brille ebenso gut sehen wie alle anderen! Mit diesen Kontaktlinsen war ich von einem Tag auf den anderen einen riesigen Klotz am Bein – die Brille – losgeworden!

Die Freude und die verbesserte Lebensqualität liess durchwegs gute Resultate zeigen: Während der RS im «Zug Bors» führten wir beide meistens die Ranglisten beim Sport an: z. B. auf der Kampfbahn, d. h., mit der militärisch korrekten Bezeichnung «Hindernis-Parcours» oder bei weiteren Disziplinen. Allgemein hatte ich mit den vor den Militärdiensten erworbenen (unsichtbaren) Kontaktlinsen durchwegs positive Erfahrungen gemacht. Vor allem hat niemand gemerkt, dass ich mit meiner Colaflaschenbodengläserbrille überhaupt keinen Militärdienst hätte leisten müssen….

Bis zum heutigen Tag finde ich persönlich die Situation paradox, mit welchem Widerwillen dienstleistende Soldaten den obligatorischen Wehrdienst zum Teil durchleben.

Hier ein Beispiel von einem unserer Rekrutenschulkameraden, Patrik Moser (vormals: Maturand; später Archäologe) aus Küssnacht am Rigi: Es war anfangs Juli 1993, zu Beginn der «Chriesi-Ernte», als ich als quasi «Freelancer» zuoberst auf einer Leiter, einen «Chratten» mit einem Ceinturon um die Hüfte festgeschnallt, von jemandem, zwei Bäume weiter, auch ein Chriesipflücker, angerufen wurde: «Eh, das ist doch der Bucher!» – Und seine Stimme augenblicklich erkannt, rief ich sogleich zurück: «Ah, das ist doch der Moser!». In der «Glücks-Post» oder in der «Schweizer Illustrierten» hatte ich einige Zeit vor dem Intermezzo auf den Chriesi-Bäumen unseren ehemaligen Militärkameraden in einem ausführlichen Bericht zufälligerweise mit mehreren Fotos abgebildet entdeckt: Weil Patrik Moser den Sinn des Militärdienstes verneinte und fortan keine Wiederholungskurse mehr bereit war zu leisten, hatte ihn die Militärjustiz dafür zu einer längeren unbedingten Gefängnisstrafe verurteilt.

… Und bei mir war das pure Gegenteil eingetroffen: Mein damaliger Hausarzt hatte im Kalenderjahr 1990 meinen körperlichen Beschwerden aufgrund eines damals relativ neuartigen Gentests (HLA-B27) diesen einen lateinischen Namen geben können: Spondylitis ankylosans – und leitete das Ergebnis dieses Wangenschleimhautabstrichs aufgrund des Militärversicherungsgesetzesparagrafen 84 der Militärversicherung (vormals: BAMV) weiter – unter Missachtung des Patientengeheimnisses!

Zweihundertundeinundsechzig Ausbildungstage, welche die Schweizer Armee in mich investiert hatte, lösten sich am 28.11.1991 im Nu in Luft auf, nachdem der Vertrauensarzt der Untersuchungskommission nicht wusste, ob er mir einen roten oder einen schwarzen Stempel ins Dienstbüchlein hineinstempeln sollte, und derjenige, den er rufend ins benachbarte Büro befragt hatte, antwortete wie aus der Pistole geschossen: Ja, gib’ ihm einen Roten!»

Lieber Felix, als Augenarzt ist die Uveitis als Nebensymptom des Bechterews Dir bekannt: Kannst Du Dir das elfseitige Gutachten der beiden SIM zertifizierten Gutachter, der Rheumatologie-Professoren unter die Lupe nehmen? Als Ophthalmologe bist Du vom Fachlichen her betrachtet, wenn es um Uveitiden geht, derjenige Spezialist, der von der Militärversicherung auf Anhieb hätte konsultiert werden müssen.

♥-liche, kameradschaftliche Grüsse

            Fabian

P.S. Diesen Briefwechsel kannst Du gedruckt nachlesen auf www.staatsschreiber.com

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