Brief zum Roman „Das Verhör des Harry Wind“

Ölbild: „Walter“ von Anton Buob

Sehr geehrte Frau Dr. Obermüller

Bis der Brief Sie per Air-Mail erreicht haben wird, dauert es eine Weile. – Gerade in diesen Zeiten, wo die Flugzeuge nicht mehr so streng hin- und herfliegen wie vor der Pandemie, kann es vorkommen, dass ein Brief wochenlang unterwegs ist. Sie werden sich an unser Telefongespräch erinnern: Sie erhalten ja nicht oft Anrufe aus Thailand….

«Das Verhör des Harry Wind» lese ich gegenwärtig das zweite Mal und es zeigt sich fast eine «Seelenverwandtschaft», wenn Walter Matthias Diggelmann aus seinem Leben erzählt – und die beiden Anekdoten, die Sie mir während unseres kurzen Telefongesprächs mitteilten und die Zusatzinformation, dass dieses Buch starke Autobiographie-Angaben enthalte, bestätigten meinen Eindruck, der Autor habe erlebt, was er erzählt. – Vielen Dank für Ihre Angaben; diese waren für mich sehr wertvoll!

Im Vertrauen: Ich bin selbst gerade dabei, eine Metamorphose durchzumachen, so wie Vital vom «Uhrmacherlehrling» zum «Schriftsteller» wurde. Ich wäre nicht selbst auf die Idee gekommen, meine Berufsangabe ein weiteres Mal zu korrigieren. Im Zuge der diversen Eingaben an die Militärversicherung in den Nullerjahren modifizierte ich meinen Telefonbucheintrag von «kaufm. Angestellter» auf «Kaufmann», weil diese Versicherung die Umschulung der Invalidenversicherung vom «Detailhandelsangestellten» zum «kaufmännischen Angestellten» – welches beide geschützte Berufsbezeichnungen sind – als «Kaufmann» bezeichnete. – Drei Monate nachdem ich meinen eidgenössischen Fähigkeitsausweis mit dem Abschluss der Umschulung erhalten hatte, wurde ich nachträglich rückwirkend vollinvalidisiert. – Und das zu Unrecht, wie meine intensiven Recherchen der letzten Jahre aufzeigen! Stellen Sie sich vor, Frau Dr. Obermüller, so etwas ähnliches, was Ihnen vor zehn Jahren widerfahren ist, passiert mir am 08.01.1992! Eine Ärztin reichte im Dezember 1991 eine Dissertation mit dem Titel: «Gesundheitsverhalten und Informationsstand von Patienten der Medizinischen Poliklinik Zürich bezüglich kardiovaskulärer Risikofaktoren» ein, wechselte per 01.01.1992 ihre Stelle und wusste nicht, dass sie Arztzeugnisse erst mit «Dr. med. Karin Oberbörsch» unterzeichnen darf, wenn, respektive, nachdem ihr die Doktorwürde erteilt worden ist.

Ich benötigte 5 Monate, bis das Dissertationsoffice der Medizinischen Fakultät der Universität Zürich mir das «Datum Abschluss der Dissertation von Dr. med. Karin Barbara Oberbörsch» aufgrund des Datenschutzgesetzes mitteilen durfte: es war 08.09.1992!

Nun, ich will Sie nicht länger mit meiner Lebensgeschichte bedrängen, wenn es Sie nicht interessiert. Abschliessend einfach so viel: «Das Verhör des Harry Wind» gibt mir (hoffentlich) genug Schubkraft, dass ich das Bundesgerichtsurteil vom 04.11.2009 (gegen die Suva, Abteilung Militärversicherung) erfolgreich in die Revision bringen kann (Google: Beschterew Bundesgericht 2009).

Schlussanekdote: Am 08.01.1992 fuhr ich mit dem Auto zum Goetheanum nach Dornach. Ich suchte das Gespräch mit einem Professor der Anthroposophie, hatte 5 selbstgebackene frische Brote dabei und versuchte eine Antwort zu erhalten auf die Frage, ob man von der UC (Untersuchungskommission) aufgrund eines Gentests als «dienstuntauglich» aus dem obligatorischen Militärdienst hinausgeworfen werden dürfe. Kein Akademiker war mehr beim Goetheanum, es war schon spät am Abend; stattdessen ein Polizist. Meine Eltern holten mich kurz darauf auf dem Polizeiposten in Dornach/SO ab und brachten mich nach Embrach/ZH in die Psychiatrische Klinik: Nach einer halbstündigen Anamnese war die Jungärztin überzeugt und diagnostizierte Schizophrenie!

Eine Geschichte ist dann zu Ende erzählt, wenn sie ihre schlimmstmögliche Wendung genommen hat», sagte vor vielen Jahren Hellmuth Karasek in einer Literatursendung, in welcher Sie Friedrich Dürrenmatts letzten Roman «Durcheinandertal» kritisch beurteilt hatten, einzig rühmten Sie den Schluss. Zu Ihrer Information: Falls Sie meine Handschrift schlecht lesen können, lesen Sie diesen Brief als gedruckte Fassung auf meiner Webseite nach: www.staatsschreiber.com. Bei Amazon schaute ich nach, wieviel das Buch «Spurensuche» kostet und falls Ihnen meine Korrespondenz nicht missfällt, hätten wir mit diesem Thema einen Ansatz, der für uns beide bereichernd sein könnte. Inzwischen schaue ich mir eine weitere Auswahl Ihrer Auftritte auf YouTube an.

Herzliche Grüsse

Fabian Bucher

P. S. Leider konnte ich den Film nicht finden im Netz. Kann man ihn bei einem Verlag bestellen?

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